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Klassisches Theater in Hamburg

Die Übriggebliebenen
(1)

Nach Thomas Bernhard

So. 29.09.19 19:30 Uhr - 22:15 Uhr

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Die Übriggebliebenen

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aus »Vor dem Ruhestand«, »Ritter, Dene, Voss«, »Auslöschung. Ein Zerfall«
Fassung von Karin Henkel und Rita Thiele / Repertoire

Es ist später Nachmittag an einem siebten Oktober: Im Elternhaus von Vera, Clara und Rudolf Höller wird ein Geburtstagsfest vorbereitet. Die drei Geschwister sind hier gemeinsam alt geworden, können sich nicht aus den Fängen ihrer Vergangenheit befreien und präsentieren ihr dauerndes Spiel von Macht und Unterwerfung, Umklammerung und Demütigung. Ebenfalls noch im Haus der verstorbenen Eltern wohnend bereiten zwei Schwestern ein Festessen für ihren aus einer psychiatrischen Klinik heimkehrenden Bruder vor. Auch hier deutlich spürbar: das verkrampfte Miteinander und gehässige Gegeneinander, das Anreden gegen die Bürden der Kindheit und der angstvolle Blick in die Zukunft.

Das letzte Fest des Lebens, eine Beerdigung, wird vorbereitet im Schloss Wolfsegg. Hier warten Amalia und Cäcilia auf ihren Bruder Franz, um die bei einem Autounfall verunglückten Eltern zu Grabe zu tragen. Franz Murau, der seiner Familiengeschichte durch ein Leben in Rom zu entkommen suchte, kehrt als Alleinerbe zurück und wünscht sich nichts sehnlicher als „alles auszulöschen, das ich unter Wolfsegg verstehe, und alles, das Wolfsegg ist.“

Drei Familien, drei gleichgeartete Geschwisterkonstellationen, die geprägt sind von „exzessivem Infantilismus“ (»Ritter, Dene, Voss«) und Todesnähe zugleich. In allen drei Familien ähneln sich die neurotischen Strukturen, wobei sie in »Vor dem Ruhestand « und in »Auslöschung« eine politische Zuspitzung erfahren, die der Alltäglichkeit eine skandalöse Dimension verleihen. Denn im Hause Höller feiert man, lange nach dem Zweiten Weltkrieg, heimlich Himmlers Geburtstag. Und hinter der Maske des rechtschaffenen Gerichtspräsidenten Höller verbirgt sich ein Nazi, ehemaliger KZ-Kommandant und Gewaltverbrecher, der seinem Leben nur durch die fortwährende Verherrlichung des Faschismus Sinn und Halt zu geben vermag. Seine Schwester Vera ist ihm fanatisch verbündet, während Clara als Opponentin agiert. Aber letztendlich ist auch sie unfähig, sich dem perversen Kerker ihres Zuhauses zu entziehen. In ähnlicher Verstrickung quält sich Franz Murau, seine Eltern haben nach Kriegsende über Jahre hinweg führende Nazigrößen in der sogenannten Wolfseggschen „Kindervilla“ versteckt. Murau ekelt diese Familiengeschichte. Umso härter trifft ihn die Erkenntnis, dass die katholisch-nationalsozialistische Erziehung durch die Eltern nach wie vor die Psyche der Schwestern, vor allem aber auch seine eigene, okkupiert.

In allen drei Texten beschäftigt sich Thomas Bernhard mit familiären Konstellationen, die Menschen anfällig machen für autoritär-patriarchalische Weltbilder, in zwei Fällen sogar für faschistische Vorstellungen. Als »Vor dem Ruhestand« 1979 uraufgeführt wurde, schrieb der Kritiker Benjamin Henrichs, die außerordentliche Qualität dieses Textes läge darin, dass Bernhard diese Anfälligkeit nicht aus aufgeklärter sicherer Ferne, sondern aus alarmierender Nähe beschreibe, er suche sie in jedem von uns. Ein beunruhigender Weg, den die Inszenierung von Karin Henkel in der Verknüpfung der verwandten Familienporträts verfolgen und untersuchen möchte. Zumal Veras Prophezeiung, „Es kommt der Tag, sagt Rudolf, wo er nicht mehr gezwungen ist, Himmlers Geburtstag in seinem Hause versteckt feiern zu müssen“ traurige Aktualität gewonnen hat.

Mitwirkende:
Lina Beckmann, Jean Chaize, Brigitte Cuvelier, André Jung, Jan-Peter Kampwirth, Angelika Richter, Tilman Strauß, Bettina Stucky, Gala Othero Winter UND: Minna John, Leona Schübel

Hamburger Kinder- und Jugendkantorei St. Petri/ St. Katharinen unter der Leitung von Lena Sonntag: Johann Schubert, Bettina Nickel, Levke Grundwaldt, Lilia Franke, Falk Brieskorn, Josefine Timann, Lena Otto, Laura Lubitz, Theo Fischer, Leandra Franke, Laureen Fuchs, Moritz Engelbrecht, Luzy Köllner, Gracia Heim

Statisterie: Emma Torner, Alicitas Schaerig, Matilda Meny

Karin Henkel, Regie
Selina Puorger, Bühne
Muriel Gerstner
Klaus Bruns, Kostüme
Annette ter Meulen, Licht
Arvild J. Baud, Sound
Matthias Lutz, Ton
Christian Jahnke, Ton
Christoph Naumann, Ton
Alexander Grasseck, Video
Marcel Didolff, Video
Rita Thiele, Dramaturgie

Einführung:
Eine halbe Stunde vor der Vorstellung am 29/9 findet eine Einführung im MarmorSaal statt.

Dauer:
Zwei Stunden, Fünfundvierzig Minuten. Eine Pause.

Tickets:
15,00 € bis 40,00 €

Weitere Informationen unter:
www.schauspielhaus.de

Foto © Lalo Jodlbauer



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